
Zupacken und loslassen, die Willenskraft anspannen - und aufgeben: Der Titel "Le tout, le rien" stellt antithetisch nebeneinander, was unvereinbar scheint. Aber gerade durch diese Widersprüchlichkeit definiert Jens Joneleit (*1968) das Spannungsfeld, in dem sich sein monolithisches Werk - ein Zyklus für 27 Solisten - bewegt. Erwartungsvoll könnte man sich im Augenblick zwischen dem Lesen des Titels und dem Beginn der Musik einen weiten Raum vorstellen, mit einer freien Konstellation potenzieller Klänge. Wie verhalten sie sich zueinander? Wollen sie zu einer Gesamtheit verschmelzen? Oder driften sie, sobald sie angestoßen werden, ins Nichts auseinander? Und was geschieht, wenn womöglich beide Prozesse ineinander greifen und sich bekämpfen?
Bestimmend für "Le tout, le rien" ist die Beharrlichkeit einer musikalischen Artikulation in Frageform, die sich nicht unterbrechen lassen will. Der Versuch, stets in Anfängen zu denken, stößt in Grenzbereiche der Darstellung und Wahrnehmung vor. Das Zeitgefühl wird durch extreme Tempi auf die Probe gestellt. Permanente Kontraste prägen das Geschehen: schroffe Antithesen, ruckartige Wechsel zwischen verschiedenen Zonen des Denkens. Spannungen und Brüche werden nicht ausgeglichen, sondern betont.
"Le tout, le rien" entstand zum 25-jährigen Bestehen des Ensemble Modern und wurde im Oktober 2005 in Dresden uraufgeführt.
Michael Herrschel
| 1968 | Am 17. September in Offenbach am Main geboren |
| 1990 | Übersiedlung in die USA. Studium des Bachelor of Fine Arts und des Master of Fine Arts in Malerei |
| ab 1991 | Studium beim Bartók-Schüler Lewis Hamvas (Yankton/South Dakota), bei Robert Marek und Stephen Yarbrough (Vermillion/South Dakota) |
| ab 1994 | Student der Meisterklasse des Stefan-Wolpe-Schülers Joel Naumann (University of Wisconsin, Madison). |
| 1997 | Seit dem Abschluss als Master of Fine Arts arbeitet Jens Joneleit als freischaffender Komponist. Er lebt heute in Nieder-Roden bei Frankfurt am Main. Keiner Schule zuzuordnen, präsentiert Joneleits eigenwilliges, eruptives Schaffen in jedem Stück eine radikal individuelle Grundidee und Sprachform. Dabei gilt sein Interesse besonders größeren Formaten wie Musiktheater und Orchesterwerken, aber auch Kammermusik, Film und Hörspiel. |
| 1997-2004 | Auftragswerke von kleineren und mittleren Organisationen in den USA und Deutschland |
| 2000 | Uraufführung durch das Moskauer Sinfonieorchester |
| Leitung: Aleksej Kornienko | |
| seit 2003 | Zusammenarbeit mit Jazz-Legende Roscoe Mitchell (Art Ensemble of Chicago) |
| 2004 | Rückkehr nach Deutschland - Uraufführung durch das |
| hr-Sinfonieorchester - Leitung: Lucas Vis | |
| 2005 | Erste Uraufführung durch das Ensemble Modern - Leitung: Franck Ollu |
| Kompositionsaufträge der BHF-Bank-Stiftung für die "Frankfurter Positionen", vom SWR für ein Orchesterwerk, von "Musik der Jahrhunderte" Stuttgart für Eclat 2007 für ein Musiktheaterwerk mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart und dem Ensemble Modern | |
| 2006 | Eine weitere Uraufführung durch das Ensemble Modern - Leitung: Sian Edwards |
| Kompositionsaufträge der Münchener Biennale in Koproduktion mit der Oper Frankfurt für ein weiteres Musiktheaterwerk für 2008, vom Augsburger Mozartfest & der Deutschen Mozart Gesellschaft, Auftragskomposition des Jahres 2006 der Bayerischen Akademie der Schönen Künste | |
| Uraufführungen in München, Augsburg und in Stuttgart durch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR - Leitung: Peter Hirsch | |
| (Stand: 2006) |
Le tout, le rien (2003/04)
für Ensemble
1 chant sombre, ébranlé
2 passant auprès du feu
3... des autres espaces ...
4 un inverte rivage au delà de tout chant
5 apogée
Ensemble Modern
Leitung: Franck Ollu