
Die Musik der aus Izmir stammenden Komponistin Zeynep Gedizlioğlu ist wie ein Kaleidoskop unterschiedlichster Augenblicke – in einem Moment zerbrechlich, mal schroff-kantig, dann expressiv und in virtuosen Klangekstasen gipfelnd.
Zentraler Impuls der Musik Gedizlioğlus ist laut Bookletautor Dirk Wieschollek das Greifen nach dem Ungreifbaren: „Gestalten verfestigen sich, Konturen zeichnen sich ab, oft in unmerklichen Varianten oder Verschiebungen des schon Dagewesenen, und verschwinden wieder.“ Die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung der Welt und sich selbst, der Wechsel zwischen Distanz und Annäherung und die Suche nach Beziehungen und Nicht-Beziehungen prägen die Arbeit der Komponistin.
Das Wechselspiel zwischen Antagonismen beschäftigt Gedizlioğlu, unter anderem in Verbinden und Abwenden. Die Komposition in drei Akten für Orchester und Ensemble stellt Individuum und Kollektiv gegenüber und hinterfragt festgelegte Rollenverteilungen der Klangkörper. Die Musiker*innen des Ensembles werden dabei solistisch inmitten des Orchesters, wie Fremdkörper in anderen Instrumentengruppen, platziert.
Die Vokalkomposition Kelimeler erforscht die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten künstlerischen Sprechens. Basierend auf einem von der Komponistin entworfenen türkischen Text werden die Begriffe „Dunkelheit“ und „Stimme“ mal flüsternd, sprechend, laut atmend, in impulsiven Ausrufen oder melismatischen Gesangslinien umkreist.
Mit den vorliegenden Aufnahmen präsentiert sich Zeynep Gedizlioğlu sowohl mit kammermusikalischen Werken als auch mit großbesetzten Ensemble- und Orchesterkompositionen. Neben Klangkörpern wie dem hr-Sinfonieorchester, dem Ensemble Modern und dem Klangforum Wien sind u.a. das Quatuor Diotima und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart zu hören.
Geboren in Izmir-Türkei, studierte Komposition u.a. bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe und Ivan Fedele in Straßburg. Sie arbeitete beim IRCAM in Paris zwischen 2010-2011. Ihre Musik wurde bei internationalen Festivals wie Musica Strassburg, Beethovenfest Bonn, Wien Modern, Salzburger Festspiele, Wittener Tage für neue Kammermusik, musikprotokoll-Graz, cresc…Biennale für Moderne Musik Frankfurt, G((o))ng Tomorrow Copenhagen, November Music in s-Hertogenbosch, Ultraschall Berlin aufgeführt und erklang im Radio in Liveübertragungen. Ihre Werke wurden auf Cds veröffentlicht (u.a. Portrait Cd Gedizlioglu ‚Kesik‘ – erschienen bei col legno und gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung und ‚Verbinden und Abwenden‘ Porträt Cd erschienen bei Wergo / gefördert durch den Deutschen Musikrat). 2012 erhielt Zeynep Gedizlioglu den Komponisten-Preis der Ernst von Siemens Musikstiftung, 2014 den »Composer of the Year« Preis des 5. Donizetti Classical Music Awards in Istanbul. 2015 wurde sie für die Cd-Reihe Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats ausgewählt und 2016 für den Deutschen Musikautorenpreis in der Sparte »Musik für Ensemble« nominiert. Sie wurde 2018 für ihr gesamtes bisheriges Schaffen mit dem Heidelberger Künstlerinnenpreis ausgezeichnet und erhielt den Kunstpreis Berlin in 2019. In demselben Jahr, erhielt sie ein Künstlerstipendium zu einem mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt im Herrenhaus Edenkoben. Ihre zweite Porträt CD ‚Verbinden und Abwenden‘ wurde 2020 für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert. Sie arbeitet zusammen mit den Solisten der Berliner Philharmoniker, dem Quatuor Diotima, dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem hr-Sinfonieorchester, dem Ensemble Modern, Klangforum Wien, Ensemble Intercontemporain, 2e2m, ascolta, oenm, Ensemble PHACE, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart und dem Arditti Quartett, die zahlreiche ihrer Werke uraufgeführt haben. Sie lebt als freischaffende Komponistin in Berlin.
1 Sights of Now (2013–17)
für zwei Klaviere und Streichquartett
Klavierduo Yukiko Sugawara und Tomoko Hemmi
Quatuor Diotima: Yun-Peng Zhao, Violine · Constance Ronzatti, Violine · Franck Chevalier, Viola · Pierre Morlet, Violoncello
2 Jetzt – mit meiner linken Hand (2014)
für Ensemble
Klangforum Wien: Vera Fischer, Flöten · Markus Deuter, Oboe · Bernhard Zachhuber, Klarinetten · Gerald Preinfalk, Saxofone · Christoph Walder, Horn · David Schmidt, Trompete · Andreas Eberle, Posaunen · Joonas Ahonen, Klavier · Lukas Schiske, Schlagzeug · Sophie Schafleitner, Violine · Rafał Zalech, Viola · Benedikt Leitner, Violoncello · Aleksander Gabryś, Kontrabass
Leitung: Leonhard Garms
3–5 Verbinden und Abwenden (2016)
in drei Akten
für Ensemble und Orchester
Ensemble Modern: Dietmar Wiesner, Flöten · Christian Hommel, Oboe, Englischhorn · Jaan Bossier, Klarinette · Udo Grimm, Bassklarinette · Johannes Schwarz, Fagott · Saar Berger, Horn · Sava Stoianov, Trompete · Uwe Dierksen, Posaune · David Haller, Schlagzeug · Yumi Olsson Kimachi, Klavier · Giorgos Panagiotidis, Violine · Megumi Kasakawa, Viola · Eva Böcker, Violoncello · Paul Cannon, Kontrabass
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Ilan Volkov
6 Kelimeler (2013–14, rev. 2017)
für fünf Stimmen
Neue Vocalsolisten Stuttgart: Susanne Leitz-Lorey, Sopran · Truike van der Poel, Mezzo sopran · Martin Nagy, Tenor · Guillermo Anzorena, Bariton · Andreas Fischer, Bass
7 Blick des Abwesenden (2018)
für Klavier und Orchester
Tamara Stefanovich, Klavier
hr-Sinfonieorchester
Leitung: Jonathan Stockhammer