Turgut Erçetin

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Facettenreiche Klangfarben, Virtuosität und ein Spannungsfeld aus Brüchen und Bindungen zeichnen die Musik von Turgut Erçetin aus. Dabei werden insbesondere Zwischenräume in verschiedensten Dimensionen beleuchtet. So erforscht der Komponist „den Raum zwischen Instrumenten oder Gruppen, zwischen Harmonie und Geräusch […], zwischen Spektren, zwischen dem, was gespielt wird, und dem, was aus dem Aufführungsort widerhallt“, wie Paul Griffiths im Booklet erläutert.

Die Werk-Reihe „Das Phonem zwischen zwei Wörtern“ steht im Zentrum des Albums. Der größte Werk-Teil (b) nimmt Bezug auf ein Forschungsgebiet Turgut Erçetins, das sich mit nicht mehr existierender Architektur befasst, in diesem Fall zwei zerstörten byzantinischen Bauwerken. Hier trifft das SWR Symphonieorchester als modernes Orchester auf ein Barockensemble mit Musikern des ELISION Ensembles. Die beiden Formationen fungieren jedoch nicht als Gegensätze, sondern als wechselwirkende Keime. Die kleineren Teile der Reihe (a) und ( c ) dienen als Fanfare und Epilog: Sie kondensieren die Themen von Verschmelzung und Separation und lassen am Ende die Musiker des ELISION Ensembles an moderne Instrumente zurückkehren.

Das Ensemble Musikfabrik ist in zwei Werken dieser CD zu hören: in “Resonsances (b)” und “Thousand Dead Bodies Under My Bed, All Cloaked with the Breath of the Living”. Letzteres erinnert daran, wie die Vergangenheit fortlebt – in Kunst, in Erinnerung, in Traumata. Zwischen drei ineinander verschachtelten Ensembles entfaltet sich ein Wechselspiel, Charakteristika wandern von einer Gruppe zur anderen, während sich auch das Wesen des gesamten Stückes allmählich ändert.

Turgut Erçetin wurde 1983 in Istanbul geboren. Er promovierte 2014 in Komposition an der Stanford University, wo er sich anschließend am Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) auf die Forschung in verkörperte Akustik (embodied acoustics) und die 3-D-Modellierung virtueller und physischer Räume spezialisierte. Zur Umsetzung dieser Forschungsthemen in die Praxis beteiligte sich Erçetin an Projekten am CCRMA, bei denen er seine akustischen Messungen der Hagia Sophia in Istanbul beisteuerte und an einem Rechenmodell mitarbeitete, das es dem Forschungsteam ermöglichte, deren Innenakustik zu simulieren.
2016 wurde Erçetin mit dem Berliner Künstlerprogramm des DAAD ausgezeichnet. Seither hat er diesen Ansatz mit Forschungsprojekten erweitert, die sich mit nicht mehr existierender Architektur befassen: mit der Basilika des heiligen Johannes in Ephesos aus dem 6. Jahrhundert und der Apostelkirche in Konstantinopel. Nach dem Stipendium zog er nach Deutschland und arbeitete mit dem SWR Symphonieorchester, dem Arditti Quartet, dem ELISION Ensemble, Ensemble Musikfabrik, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, dem JACK Quartet und Ensemble Mosaik zusammen, die seine Werke bei führenden Festivals für neue Musik präsentierten, darunter die Donaueschinger Musiktage, das ECLAT Festival, das Ultraschall Festival, MärzMusik, Traiettorie und Manifeste.
Diese Kooperationen und die damit verbundenen Forschungsarbeiten führten zu Veröffentlichungen in Fachzeitschriften wie MusikTexte sowie zu Vorträgen über seine kompositorische Praxis, unter anderem an der Hochschule für Musik Karlsruhe, der Hochschule für Musik und Tanz Köln, dem Institut für Elektronische Musik und Akustik in Graz, dem Det Kongelige Danske Musikkonservatorium, der Stanford University, der Columbia University und der University of Chicago. In seinen Schriften setzt sich Erçetin mit den zeitgleichen Wechselbeziehungen von Klang, Raum und Körperlichkeit (corporeality) auseinander. Dabei bezieht er Architektur, Akustik und hyperdimensionale Geometrie ein, die über drei Dimensionen hinausgeht, um Prozesse zu erfassen, die verkörperte Ereignisse und Simultanitäten bedingen.

www.turgutercetin.com 

 


CD

1 Thousand Dead Bodies Under My Bed, All Cloaked with the Breath of the Living (2021) 17:55
Kollektivversion
Seeds 1–3
für drei simultane Kammerensembles
Ensemble Musikfabrik: Helen Bledsoe, Alt-/Piccoloflöte · Kristien Ceuppens, Oboe/Englischhorn · Carl Rosman, Klarinette in B/Bassklarinette · James Aylward, Fagott/Kontrafagott · Marco Blaauw, Nathan Plante, Doppeltrichter-/Piccolotrompete · Christine Chapman, Doppeltrichter-Horn · Bruce Collings, Doppeltrichter-Posaune · Melvyn Poore, Doppeltrichter-Euphonium · Rie Watanabe, Perkussion · Benjamin Kobler, Klavier · Hannah Weirich, Violine · Laura Hovestadt, Viola · Thomas Schmitz, Violoncello
Leitung: Aaron Cassidy


2 Das Phonem zwischen zwei Wörtern (a) (2022) 10:07
Duo für Kornett und Posaune
ELISION Ensemble: Tristram Williams, Kornett · Benjamin Marks, Alt- und Tenorposaune

3 Das Phonem zwischen zwei Wörtern (b) (2023) 19:25
Kollektivversion
Seeds 1–2
für simultanes Barockensemble und großes Orchester
ELISION Ensemble: Peter Veale, Barockoboe · Carl Rosman, 3-Klappen Barockklarinette in D/Basson du Chalumeau · James Aylward, Barockfagott · Alex Waite, Cembalo
Christoph Grund, Klavier · Ursula Eisert, Harfe
SWR Symphonieorchester
Leitung: Brad Lubman


4 Das Phonem zwischen zwei Wörtern ( c ) (2024) 13:24
für Oboe/Englischhorn, Klarinette, Fagott und Klavier
ELISION Ensemble: Peter Veale, Oboe/Englischhorn · Carl Rosman, Klarinette in B/Bassklarinette · James Aylward, Fagott · Alex Waite, Klavier
Leitung: Aaron Cassidy


5 Resonances (b) (2016) 9:43
für Solo-Klarinette und Streichtrio
Ensemble Musikfabrik: Carl Rosman, Bassklarinette/Klarinette in Es · Hannah Weirich, Violine · Axel Porath, Viola · Dirk Wietheger, Violoncello

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